Ein großartiges Buch, das den Leser tief mitnimmt in das Leben und die Gedankengänge der beiden Hauptfiguren Karla und Marie. Man fühlt sich ihnen dadurch unheimlich nah und schafft es irgendwann kaum noch, das Buch aus der Hand zu legen, weil man unbedingt wissen will, wie es weitergeht.

Karla und Marie sind Schwestern, beide Anfang dreißig. Karla lebt in Unterfranken auf dem Land, wo beide behütet aufgewachsen sind und führt dort ein Leben weit weg von Hektik, Lärm und dem typischen Großstadttumult. Sie weiß zwar, dass es ein unspektakuläres Leben ist, fühlt sich aber wohl und sicher. Marie wohnt in New York, wo sie als erfolgreiche Fotografin arbeitet. Sie ist das genaue Gegenteil von Karla, sie will das Leben aufsaugen, spürt sich erst, wenn sie das Leben wirklich fühlt, und hält all das in ihren Fotoporträts fest, mit denen sie sogar Preise gewinnt.

Die Beziehung der beiden Schwestern ist innig, sie telefonieren jeden Tag, Karla besucht Marie jedes Jahr zweimal für mehrere Wochen und sie wissen alles aus dem Leben der anderen. Es scheint jedenfalls so. Denn als Marie bei einem Unfall stirbt und Karla ein letztes Mal nach New York kommt, um Maries Wohnung aufzulösen und um sich von New York und auch von Marie zu verabschieden, entdeckt sie, dass sie nicht alles über ihre Schwester wusste.

 

So wie du mich kennst Klappentext

Das Buch erzählt aus zwei Ich-Perspektiven – der von Karla und der von Marie – die sich jeweils abwechseln. Anika Landsteiner lässt den Leser/die Leserin tief eintauchen in die Gedanken, Ängste und Zweifel der beiden Hauptcharaktere. Dadurch gelingt es, sich ganz und gar einzufühlen und emotional mitgerissen zu werden.

Karla, die fast daran verzweifelt, dass Marie offenbar ein Geheimnis vor ihr hatte, versucht herauszufinden, warum Marie das getan hat. Es wirkt anfangs so, dass sie sogar sie sein will, um ihr so noch ein letztes Mal nah sein zu können.

Durch Maries Erzählungen erfährt man, warum sie es getan hat. Dass sie selbst Opfer gewesen ist (Triggerwarnung) und sich nun im Großstadtgedränge New Yorks immer wieder abzulenken versucht, um ihre eigene Wahrheit zu verdrängen.

Nicht nur ein mitreißendes, sondern auch spannendes Buch, auch wenn das Geheimnis relativ schnell gelüftet wird. Dennoch will man unbedingt wissen, was passiert ist und trauert auf eine gewisse Art und Weise mit den Schwestern mit.

Zwischendurch gibt die Autorin immer wieder Rückblicke, erzählt von Erlebnissen aus der Kindheit der beiden Schwestern oder auch von erst kürzlich Vergangenem. Man hat schon nach kurzer Zeit das Gefühl, sowohl Karla als auch Marie gut zu kennen.

Anika Landsteiner Roman

Die Botschaft dieses Buches ist meiner Meinung nach vielfältig. Es geht viel um Trauerbewältigung und wie man mit verstörenden Erlebnissen umgeht: Meist, indem man sie verdrängt oder sich schämt und deshalb mit niemandem darüber spricht. Vielleicht soll es uns sagen, dass wir mehr reden müssen. Miteinander. Und dass es helfen kann, wenn wir über unsere Ängste, Zweifel und Gedanken, die uns runterziehen, reden. So wissen auch unsere Mitmenschen, warum wir uns wie verhalten, und dass das nichts mit ihnen zu tun haben muss.

Es könnte auch eine Hommage an die oft oberflächliche Welt sein, in der wir uns heute befinden. In der sich jeder immer nur von seiner besten Seite zeigt. In der meist kein Platz ist für die eigenen Zweifel, Ängste und Sorgen.

 

PS: Ich schreibe hier bewusst nicht, um welches verstörende Erlebnis es geht, da es auch nicht im Klappentext zu finden ist und ich nichts vorwegnehmen möchte. Die Autorin hat sich sicherlich etwas dabei gedacht, es in der Buchbeschreibung nicht zu erwähnen. Es ist aber auf jeden Fall aushaltbar.

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