Es ist der 25. Oktober 2020, ein sonniger Spätnachmittag. Wir sitzen im Auto, sind auf dem Nachhauseweg von Ruhpolding nach Dortmund. Zehn Tage Herbsturlaub im grünen Allgäu liegen hinter uns. Wandern, Berge, Natur, Atmen. Aufregende Ferien, denn ich wusste, in wenigen Tagen wird mein Buch erscheinen. Mein erstes Buch. Mein Baby.

Das Probeexemplar für den finalen Check habe ich mir in unsere Urlaubsunterkunft nachsenden lassen. Ich wollte keine Zeit verlieren. Nicht noch länger warten. Corona sei dank, hatte es schon ein halbes Jahr länger gedauert als geplant.

Nervös sitze ich auf dem Beifahrersitz. Tobias fährt. Morgen soll mein Buch offiziell erscheinen. Der Verlag hat es schon hochgeladen. Ich klicke zum gefühlt hundertsten Mal auf die Amazon-App. Vielleicht sieht man es auch heute schon. Ohne Amazon geht leider nichts. Nicht, wenn man will, dass das eigene Buch auch gelesen wird. Und das will ich.

Und wieder gebe ich den Titel in die Suchzeile ein „Herz schlägt Kopf“. Es lädt. Und dann taucht das Cover vor mir auf. Da ist es, mein Buch. Mein Werk. Meine Gedanken. Für alle ersichtlich. Ungläubig blinzle ich auf mein Handy-Display.

„Es ist da!“ Meine Stimme ist weder laut noch leise. Ich kann mich nicht entscheiden. Ich schaue immer wieder drauf, lese den Text, die Beschreibung, sehe die Bilder. Meine Bilder.

Tobias jubelt, er freut sich, beglückwünscht mich. Ich grinse und fühle mich gefangen. Ich bin überglücklich und gleichzeitig pocht mein Herz. Ich bin jetzt sichtbar. Ich, die ihr Leben lang lieber unsichtbar war.

Ewig habe ich auf diesen Moment gewartet. ICH habe etwas geschaffen. Etwas Eigenes. Schnell schreibe ich WhatsApp-Nachrichten an jeden, bei dem ich weiß, dass er sich mit mir freut. Als Erstes an meine Eltern und Brüder. Prompt kommen die Glückwünsche. Mein Handy steht an diesem Rest des Tages nicht mehr still. Die ersten Bücher werden bestellt. Ich mache mir einen Plan für die nächste Woche. So viel zu tun. Alle Welt soll wissen, dass mein Buch jetzt zu kaufen ist.

Es ist 22 Uhr, ich liege zu Hause im Bett. Ich habe wahnsinnige Kopfschmerzen. Ein immenser Druck liegt auf mir. Was, wenn es nicht gut ist? Wenn ich nicht gut bin? Wenn es zerrissen wird, wenn alle Welt erkennt, dass ich nichts kann. Mir ist schlecht. Irgendwann schlafe ich ein.

Die nächsten Tage sind schlimm. So lange habe ich meinem Traum entgegengefiebert. Doch mein Körper fühlt sich an wie der einer alten Frau. Jede Bewegung fällt mir schwer. Die Angst liegt tonnenschwer auf mir. Mein Buch ist persönlich, es sind meine echten Gedanken. Jede Kritik wäre eine Kritik an mir. Das halte ich nicht aus.

Die Bestellungen gehen weiter. Ich bin auf Platz 7.000 beim allgemeinen Amazon-Ranking. Das Ranking. Es verfolgt mich von nun an jeden Tag. Aber der Einstiegt ist gut, sehr sogar. In anderen Kategorien lande ich direkt auf Platz 1 bis 10. Das muss ein Fake sein, hämmert es in mir. Da ist was schief gelaufen. Ich warte nur auf das erste negative Feedback, das mir meine Befürchtungen bestätigt. Was für ein schwachsinniges Ego.

Ich habe fast den ganzen Tag damit zu tun, die Medien anzuschreiben. Wer möchte einen Bericht über mich bringen? Ich suche BuchbloggerInnen, schreibe sie an. Die meisten wollen nur Romance, Thriller oder Fantasy. Passt alles nicht. Die Suche ist mühsam. Ich kann nicht mehr. Meine Augen schmerzen, mein Kopf tut weh. Die Angst hockt dicht hinter mir. Bereit, mich umzustoßen.

Was habe ich mir dabei gedacht, so tief in mich hineinblicken zu lassen? Gar nichts. Ich habe einfach nur geschrieben. Aber ich weiß, dass meine Gedanken auch viele andere haben. Sie sollen sich in meinen wiederfinden und Mut schöpfen, sich inspirieren lassen. Das ist es, was ich will.

Die ersten Antworten kommen. Ich habe kleine Pressetermine, komme ins lokale Fernsehen, die ersten BuchbloggerInnen melden sich zurück. Sie würden sich freuen. Manche antworten gar nicht. Nicht persönlich nehmen.

WDR Lokalzeit Dortmund

Die erste Woche ist hart. Die Rezensionen stehen mir noch bevor. Erst muss das Buch gekauft werden, dann muss es gelesen werden, dann folgen die ersten Rezensionen. Ich weiß, dass Familie und Freunde welche schreiben werden. Aber machen sie das nur mir zuliebe?

Ich mach mich selber fertig, möchte am liebsten im Bett bleiben. Der Verlag ist hoch zufrieden. Die Bestellungen gehen weiter.

Ich bekomme das erste Feedback. Mein Buch ist toll. Es regt zum Nachdenken und Träumen an. Meine Familie und engsten Freunde sind stolz. Doch was ist mit den anderen?

Ich mache weiter fleißig Werbung. Auf Instagram, Facebook, Pinterest. Ich lasse Postkarten drucken, lege sie in den Geschäften aus. Tobias klappert mit mir die Buchhandel ab. Sie sind erst skeptisch, dann werden sie offener, als sie mitkriegen, dass ein Verlag dahintersteckt. Okay, ohne Verlag keine Chance, im Regal zu stehen? Sie wollen bestellen. Auch ein paar Einzelhandel bei uns in der Nähe beißen an. Autorin aus Dortmund, das zieht in Dortmund.

Die ersten Artikel kommen, locken die Leute in den Buchhandel. Dann kommt der Lockdown. Die Amazon-Bestellungen steigen weiter. Die ersten Rezensionen sind da. Und sind gut. Doch ich frage mich weiter, was mit den Fremden ist. Die mich nicht kennen.

Herz schlägt Kopf im Buchhandel
Herz schlägt Kopf im Einzelhandel

Das positive Feedback ist ungebrochen. Ich beruhige mich. Kann durchatmen. Bei vielen treffe ich den richtigen Nerv. Gut. Das wollte ich. Dann nach drei Wochen nur drei Sterne bei Amazon. Wer war das? Kennt er oder sie mich? Keine Rezension. Was hat ihm oder ihr nicht gefallen? Ich werde es nicht erfahren. Das ist so ungerecht. Es reißt mich runter. Mein Ego ist bestätigt. Ich kann nicht schreiben. Alle anderen positiven Bewertungen sehe ich nicht.

Es geht wieder besser. Ein Auf und Ab. Die ersten BuchbloggerInnen melden sich. Sie kennen mich nicht. Sie finden mein Buch toll. Ich kann wieder schlafen. Ich beruhige mich immer mehr. Ich kann es nicht jedem recht machen. Die Menschen sind unterschiedlich. Jeder hat andere Interessen. Das ist so. Und auch gut so.

Wieder ein paar Wochen später. Zwei schlechte Rezensionen mit zwei Sternen. Eine Ein-Sterne-Bewertung. Mir wird direkt schlecht. Ich lese sie. Okay, sie haben nicht verstanden, was ich sagen will. Falsche Zielgruppe. Passiert, aber ich ärgere mich. Kann mich nicht wehren. So ungerecht.

Ich bin sichtbar und muss mich erst noch dran gewöhnen. Leute bewerten mich. Bewerten meine Leistung. So ist das eben. Auch ich checke andere Autoren und ihre Bücher. Wie ist ihr Ranking, wie viele Sterne haben sie? Betrachten das die Leser überhaupt so genau wie ich? Habe ich früher auch nicht. Früher, als ich noch nicht von Bewertungen abhängig war. Ab jetzt schreibe ich selbst immer eine Rezension für Bücher, die ich gelesen habe. Jetzt weiß ich, wie wichtig das ist.

Mein Durchschnittsranking sinkt. Es ist okay, ich bin immer noch gut. Immer 5 Sterne nimmt kein Mensch ernst. Das glaubt doch niemand. Ich glaube an mich und an mein Buch. Den Glauben darf man nicht verlieren. Ich schreibe jetzt ein zweites. Ich weiß, dass ich es kann.

Mein erstes Buch und darauf bin ich stolz. Ich bin sichtbar und das ist jetzt okay. Es kann nicht allen gefallen. Auch das ist okay. Aber die meisten sind begeistert. Und darauf konzentrier ich mich.

 

 

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