Abschied

BERLIN war nicht mehr das vertraute alte Berlin. Es war in diesem Jahr das erste Mal, dass ich es spürte bzw. nicht spürte. Das Gefühl, hineinzufahren und anzukommen. Es war nicht mehr da.
Vielleicht lag es daran, dass ich diese Stadt immer mit etwas Altem verbinde. Mit meiner Kindheit. Mit den Erinnerungen meiner Eltern. Doch eigentlich wollte ich etwas Neues. Ich dachte immer, wenn ich zurück zu meinen Wurzeln finde, wüsste ich schon, was zu tun ist. Doch dieses Alte, diese Erinnerungen machten mich jetzt irgendwie melancholisch.
Vielleicht, weil das alte Berlin nicht mehr da war. Es war nicht mehr so wie früher. Diese Stadt veränderte sich schon seit Jahrzehnten. Doch jetzt hatte sie ihren Zenit endgültig erreicht.
Vielleicht, weil es auch einfach schon so lange her ist. Der Teil meiner Kindheit in Berlin. Es zeigt mir, wie schnell die Zeit vergeht. Und das macht mir etwas Angst.

Nur der Fernsehturm war wie immer. Ich sagte „Hi“, immer wenn ich ihn sah wie zu einem alten Kumpel. Er war die einzige Konstante. Er war immer noch der Alte. Ich fragte mich, was er wohl dachte, wenn er denken könnte. Er musste schon so vieles gesehen und erlebt haben. Aber er stand nur da. Erhaben über der Stadt. Als ob er genau wüsste, worauf es ankommt, blickte er auf alles hinab.

Ich schlenderte durch die Straßen, durch altbekannte und durch neue, in denen ich noch nie gewesen war. Aber irgendwie fühlte es sich nicht mehr nach meiner Stadt an. Sie wird zwar immer in meinem Herzen bleiben, aber sie ist kein Zuhause mehr für mich. Ich brauche eine Pause von ihr. Meine nächste kleine Auszeit wollte ich woanders verbringen. Mehr in der Natur. Ich fühlte mich wohler dort, wo keine Ablenkung stattfindet, wo ich mehr Luft zum Atmen hatte, wo keine Menschenmassen durch die Straßen strömen. Dort, wo sich nicht ständig alles veränderte. Dort, wo ich keine Erinnerungen hatte. Nur das Jetzt. Und ein Stück von der Zukunft.
Vielleicht musste ich auch einfach abschließen. Vielleicht war Berlin nur ein Symbol für irgendetwas in mir, das es jetzt nicht mehr gab. Vielleicht musste ich nur noch einmal hierhin zurückkommen, um das zu erkennen, um mich dann Neuem zu widmen.

 

 

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